SAGZAHN - SCHUTZENGELWEG
- Martin Sieberer

- 24. Feb.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. März
Auszug (Orgler, 1992): Schutzengeleweg !VI(+), A.Orgler,R.Schiestl 14.7.1982 Äußerst anspruchsvoll. Teilweise schwierig absicherbar, Steinschlag

Historie:
Vor der Wiederentdeckung des Valsertal-Kessels im Winter, gilt der "Schutzengeleweg" als eine der letzten großen Erstbegehungen im Sommer in diesem Gebiet.
Die Kletterpioniere und Meister ihres Fachs Andreas Orgler und Reinhard Schiestl schlossen sich Mitte Juli 1982 zusammen, um die unberührte Wand links der Indubiorisse zu erklettern. Eigentlich hätte Otti Wiedmann auch dabei sein sollen, der liegt leider aber verletzt zu Hause.

Der Schutzengelweg (eigentl. Schutzengeleweg) folgt anfangs dem Weg des geringsten Widerstands (Indubiorisse), sucht sich dann aber den zentralen, breiten Riss welcher durch den gesamten unteren Wandteil führt. Kurz weicht die Linie nach rechts aus, um im Anschluss komplett nach links (Sagzahn-Verschneidung) auszuweichen. Der im Sommer mit Schutt gefüllten Rinne folgen die beiden, bis sie den oberen Wandteil nach rechts aussteigen um vermutlich am Schluss über den Ausstieg des Schiefen Risses die Spitze des Sagzahns erreichen. Genaue Nachvollziehung der Route ist wohl unmöglich und endet in einer Sisyphos-Arbeit. Vor allem da auch einige Bereiche der Wand durch Felssturz nicht mehr vorhanden sind.
Zwei Wiederholungen der Tour sind bekannt, danach verläuft sich die Spur. Erst im Jahr 2020 wagt sich eine Seilschaft erneut in den Wandbereich, allerdings im Winter. In zwei Tagen klettern Silvan Metz und Fynn Renner in mehr oder weniger direkter Linie bis zu einem großen Wandausbruch, den sie sich mit dem "Schutzengelweg" teillen. Dort errichten sie mit 2 Bolts Stand und drehen einige Meter höher um. Rund 100m über dem Boden.
Zitat zum Schutzengelweg (Metz, 2020): "Kein fixes Material. Sehr brüchiger Fels, große lockere Schuppen & Blöcke. Teilweise durch kleinere Bergstürze verändert. Von einer Begehung muss abgeraten werden, wenn man nicht eine beachtliche Schar des namensgebenden Personals aufzuweisen hat."
Indubiorisse:
Lukas Waldner und ich haben gemeinsam mit Benni Zörer das Jahr 2025 mit einer ungaublichen Begehung der Sagzahn-Verschneidung beenden können. Wir wissen um die Verhältnisse in der Wand Bescheid und haben bereits einen Blick in die gesamte Sagzahn Nordwand werfen können. Da wir im Dreierpack gut unterwegs waren, planen wir einen baldigen, weiteren Besuch in der Wand. Die Indubiorisse ziehen als logische Einstiegs-Direttissima in den senkrechten Teil des Schiefen Risses. Diesen kenne ich bereits aus der abenteurlichen Begehung letztes Jahr mit Simon Gietl.
Aufgrund einer Terminkollission meinerseits (Winter-Überschreitung Wilder Kaiser) starten Lukas und Benni Ende Dezember ohne mich eine Erkundungstour in die Indubiorisse. Sie kommen bereits beinahe bis zum Wandausbruch in Wandmitte, wo die Tour in den Schiefen Riss mündet.
Den nächsten Versuch lasse ich mir nicht entgehen, jedoch hat dieses Mal Benni berufliche Verpflichtungen. Wir besprechen unsere Optionen:
Schriftverkehr Martin & Lukas:
Martin:"I glab den Schutzengelweg muss i mir a mal anschaun"
Lukas:"Ja ich hab beschlossen, ich mag alle kletterbaren Routen in der Sagwand machen. Also gute Idee"
Martin:" Im Schutzengelweg hat man sogar zwei gebohrte Stände"
Lukas:" Ja voll. Und dann bist eh schon fast im leichten Gelände von der Sagzahn Verschneidung"
Ein Plan nimmt Form an und wir beschließen als Plan B uns den Schutzengelweg vorzunehmen, um gemeinsam mit Benni die Indubiorisse später im Dreier-Team zu versuchen.
Schutzengelweg:
Und täglich grüßt das Murmeltier. Dieses Mal starten wir etwas früher um wirklich bei Morgendämmerung am Wandfuß anzukommen. Wieder spuren wir zu Fuß, die geringe Schneemächtigkeit lässt dies heuer zu, und wir gelangen nach zwei Stunden ins Becken unterhalb der Sagwand. Wie immer wenn ich unter dieser mächtigen Wand stehe umgibt mich eine mystische Aura. Fast demütig blicke ich hinauf und suche unser heutiges Ziel. Wir wollen uns den unteren Bereich des Schutzengelwegs anschauen: wie brüchig ist es wirklich? Ist die Kletterei vertretbar? Wie ist die Absicherung?? Alles Fragen die eine Antwort bedürfen. Und wenns läuft? Nichts Muss, alles kann.

Wir legen Steigeisen und Gurt an, verteilen das Material am Gurt und setzen unsere Helme auf. Zum x-ten Mal stapfen wir die Rampe rauf, immer mit Blick auf unser Objekt der Begierde. Der Schutzengelweg startet ebenso wie die Sagzahn-Verschneidung am obersten Ende der Rampe. Original folgt die Tour zu Anfang den Indubio-Rissen, wir entscheiden uns jedoch für den Direkteinstieg durch das offensichtliche Risssystem. Ich bekomme zu Beginn das scharfe Ende des Seils, wir klettern danach in Wechselführung.

Anfangs noch zögerlich steige ich immer höher, bis ich nach etwa 40m an einem guten Block Stand beziehe. Nicht optimal vom Komfort her, aber man nimmt was man bekommt. In Wechselführung geht es weiter und nach zwei Längen befinden wir uns auch in der Originallinie von Orgler & Schiestl. Laut Topo ist die folgende Länge mit VI+ bewertet und markiert die Schlüssellänge der Tour. Ein überhängender Körperriss/Kamin mit losen Blöcken verziert. Zum Glück ist es kalt und die eine oder andere Schuppe fest mit der Wand vereist.

Lukas hat sich am Standplatz etwas nach rechts positioniert, im Falle von Steinschlag ist er jedoch trotzdem nicht ganz aus der Schussbahn. Ich klettere sehr behutsam los, zum Glück kann ich einige gute "Friends" versenken. Behutsam nähere ich mich dem Schuppen-Kamin, wo mich aus der Mitte ein meterlanges, verkeiltes "Schwert" anlacht. Links oder rechts umgehen ist kaum möglich, also Augen zu und durch. Ich entscheide mich für den Körperriss, um im Fall das Schwert aus der Wand schmeissen zu können. Mit Rucksack wird es schnell eng und ich sitze beinahe ohne Bewegungsfreiheit fest im Kamin. Mit Bedacht entferne ich den einen oder anderen Bock, doch der große Klemmblock (Schwert in Bildmitte 5m ober meinem rechten Eisgerät) hängt bewegungslos fest. Dann ist also Schruppen angesagt. In Kaminkletter-Manier robbe ich hinter dem Block nach oben, um darüber wieder in den breiten Kamin rauszusteigen. Das Schwert hält sogar meinem Körpergewicht stand, da ich es zum weitersteigen sogar betrete.
Nichtsdestotrotz ist der Fels eher brüchig und es fallen einige Schuppen kontrolliert in die Tiefe. Aufgrund der relativ guten Absicherung klettere ich aber weiter und kann bald nach dem Überhang Stand beziehen.

Der Weiterweg ist nicht ganz klar. Entweder rechts abwärts und auf eine Verschneidung hoffen oder links hoch und eine Traverse wagen, da darüber ein Plattenpanzer den Weg versperrt. Wir entscheiden uns für links. Lukas klettert anfangs über wackelige Blöcke bis die Traverse beginnt. Mutig klettert er weiter mit Blick auf den Abseilstand der Seilschaft Metz/Renner. Auch wenn es fast schon an Blasphemie gleicht, hier einen Bohrhakenstand zu setzen, sind wir in dem Moment froh darum. Danke dafür. Ein kurzer Augenblick der "sicheren Insel".

Ich klettere nach und erblicke den Weiterweg. Ein großer Ausbruch versperrt wen Weg und war vermutlich mit der Grund, dass die Seilschaft 2020 umgedreht ist. Ich bringe 1-2 gute Sicherungen rein, schlage einen Pecker. Es ist höchste Vorsicht geboten. Alles und zwar wirklich alles ist in Bewegung. Auf fünf Meter im senkrechten Gelände klettere ich über lose Schuppen bis ich endlich das Ende des Ausbruchs erreiche und mit einem Schrei meiner Freude über das Geschaffte Ausdruck verleihe.
Lukas kommt nach und langsam wächst der Gedanke, die Tour wirklich fertig klettern zu können. Es ist bereits 14.00 und mindestens 2 Längen erwarten uns noch bevor wir bekanntes Gelände, Sagzahn-Verschneidung" erreichen.

Auch wenn der Weiterweg verhältnismäßig einfach aussieht, reicht eine kurze "Plattenstelle" um uns vor beachtliche Schwierigkeiten zu stellen. Lukas kämpft sich hoch, irgendwie bekommt er heute die Quergangslängen vorgesetzt, und bezieht Stand kurz vor dem Abzweig zur Sagzahn-Verschneidung. Hier kletterte Andi Orgler kurz abwärts, um danach ins leichtere Gelände zu gelangen. Das macht im Sommer eventuell Sinn, für uns jedoch weniger, da erneut eine Plattenstelle zu überwinden wäre. Wir entscheiden uns für die direkte Bruch-Variante und hoffen, über eine Schuppe ins leichtere Gelände zu kommen.

Nach der brüchigen Schuppe folgt ein leichter Quergang und wir befinden uns im bekannten Gelände der Sagzahn-Verschneidung. Wir haben es tatsächlich gschafft. Es ist zwar schon 16.00 aber die Hauptschwierigkeiten liegen hinter uns. Wir entscheiden uns für den Ausstieg nach oben. Den kennen wir bereits und wir machen in kurzer Zeit Meter. Im oberen Abzweig entscheiden wir uns für den rechten unbekannten Ausstieg.

In der Dämmerung und im Dunkeln suchen wir uns einen Weg über verschneite Platten bis wir endlich in die Ausstiegslängen des mir bekannten "Schiefen Riss" gelangen. Um 19.00 steigen wir endlich am Grat aus. Was für ein Tag. Was für eine Wand. Und ich bin happy, dass ich auch in dieser Tour alles frei klettern konnte.
Wir trotten den bekannten Weg bis zum Gipfel der Sagwand. Zum wiederholten Male und treten den ewigen Abstieg durchs Zemmtal an.
Das fast schon zur Tradition gewordene Dinner beim McDonalds auf der Europabrücke wirkt fast schon skurril. Gerade noch exponiert, angespannt, fokussiert und isoliert, jetzt inmitten des alltäglichen Wahnsinns eines Autobahn-Restaurants.




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