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Sagwand Schiefer Riss (Winter ascent)

  • Autorenbild: Martin Sieberer
    Martin Sieberer
  • 3. Juni 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Sagwandspitze
Sagwand-Massiv (Schiefer Riss zieht durch den gesamten linken Felsriegel) Foto: Lukas Waldner

Historie


Der Schiefe Riss an der Sagwandspitze im Valser Tal ist eine dieser Touren, wo man ungläubig grübelt, wie es im Jahre 1947 möglich war, diese Wand zu durchsteigen. Hias Rebitsch und Roland Berger gelang dieser Meilenstein, der rund 30 Jahre auf eine Wiederholung wartete. Einige starke Kletterer versuchten sich an der Tour und als auch noch im Mittelteil der Wand ein riesiger Felsausbruch, der 2 Seillängen der Tour betraf, stattfand, galt die Tour lange als unmöglich. Erst ab 1976 gab es wenige Wiederholungen der Tour bis 2013 die erste Winterbegehung auf sich aufmerksam machte.

Das starke Trio David Lama, Hansjörg Auer und Peter Ortner konnten in zwei Tagen die Tour durchsteigen und erlebten eine ihrer wildesten Bergfahrten bisher. Bei -22 Grad mussten sie im sitzen biwakieren, zogen die Tour jedoch am nächsten Tag durch. Eine unglaubliche Leistung.


Wer in Tirol aufwächst und sich etwas mit der Alpingeschichte beschäftigt stößt zwangsläufig auf Meilensteine, wo einen gewisser Nimbus mitschwingt. Diese Touren werden meist von weiten mit Ehrfurcht gemieden und man entwickelt einer gewisse Bewunderung über die Kühnheit der Erstbegeher. Hias Rebitsch war in puncto Kühnheit, Können und Freikletter-Ethik sicher seiner Zeit voraus. Sei es die Goldkappl Südwand, die Laliderer Nordwand oder eben die Sagwandspitze. Alle Touren werden eher gemieden, da sie auch nicht mehr dem Ethos der Zeit (Sicherheitszwang) entsprechen.


Meine erste Bergtour im Valser Tal war wie für die meisten Aspiranten die Fußstein Nordkante. Ein Klassiker, der in guten Sommern einige Wiederholer anlockt, obwohl auch diese Tour nicht unterschätzt werden sollte, ist es dennoch eine der wenigen Bergfahrten im Tal welche noch im Sommer vertretbar sind.

Die gesamte rechte Flanke im Talschluss rund um Schrammacher, Sagwandspitze und Hohe Kirche wirken wie eine unüberwindbare Mauer welche durch einige wenige Bänder, Pfeiler und Risse durchzogen wird. Der markanteste Riss durchzieht den Sagzahn-Pfeiler. Eine 800m hohe glatte Wand ohne Bänder, ohne Rastpositionen und kaum Biwakmöglichkeiten. Nur ein nicht zu übersehender Riss durchzieht die beinahe senkrechte Wand und bietet somit theoretisch eine Aufstiegsmöglichkeit und zieht somit ambitionierte Alpinisten in den Bann.

altes Topo Schiefer Riss
Topo Sagwand Nordostwand (AV-Führer: Zillertaler Alpen; Klier; 2013)

Planung


Seit ich das erste Mal auf der Geraer Hütte das Panorama betrachtete, stach mir diese Tour ins Auge. Ich beschäftigte mich mit ihr, las ihre Geschichten, versuchte mich in die Erstbegeher reinzuversetzen: "Wie war das damals?"

Weit weg war eine Begehung meinerseits. Träumen davon konnte ich jedoch und somit zog es mich in den Folgejahren häufig ins Tal. Es folgten einige Begehungen am Fußstein, sowie im Winter als auch solo.

Am Schrammacher konnten ich unter anderem mit Simon Messner und Lukas Waldner zwei schöne Neutouren eröffnen und auch an der Sagwandspitze konnten wir Erfolge verbuchen.

Die meisten erstrebenswerten Touren sind wir geklettert aber erst als ich Feistl Martin kennen lernen durfte, wurde der Schiefe Riss wieder in den Ring geworfen. Mit Martin konnte ich leider nur wenige Tage am Fels/im Eis verbringen, diese Tage waren jedoch qualitativ hochwertig und es entstanden wahnsinnig intensive Erinnerungen und wilde Touren, die ihresgleichen suchen.

Martin versuchte sich am Schiefen Riss einmal gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Amelie, sie scheiterte jedoch am nächtlichen Niederschlag und Frühlingsbeginn. Da er sich in seiner letzten, intensiven Wintersaison mit dem Südtiroler Simon Gietl zusammenschloss, wurde die Idee Schiefer Riss im 3-er Team geboren. Und auch wenn ich mit Simon noch keinen Klettertag verbringen durfte, vertraute ich auf Martins Gefühl: Ihre gemeinsamen Erfolge am Berg sprechen eine eindeutige Sprache.

Wir warteten somit auf die richtigen Verhältnisse, diese sollten jedoch in dieser Saison nicht mehr kommen und somit wurde das Projekt verschoben.

Bei einem tragischen Kletterunfall im Mai verstarb Martin leider und damit auch einige für die Zukunft geschmiedete Pläne. Auch wenn wir uns noch nicht all zu lange kannten, passten wir vom Mindset sehr gut zusammen und konnten unglaublich intensive Tage in den Wänden verbringen.

Eines Tages erhalte ich einen Anruf von Simon und das gemeinsame Herzensprojekt Schiefer Riss im Winter erwachte erneut zum Leben.


Martin Feistl in Gullyvers Reisen
Martin bei einer unseren gemeinsamen Touren in den Dolomiten (Gullyvers Reisen)

Schiefer Riss Tag 1


Einige Anläufe dauerte es, doch eines Tages machten wir Nägel mit Köpfen. Für so eine Tour ist man gefühlt sowiso nie zu 100% bereit.

Wir treffen uns bei der Touristenrast und bei Morgengrauen erreichen wir den Wandfuß. Auf Anhieb verstehen wir uns gut, es wird geplaudert, gescherzt und noch mal alles durchgedacht. Wir sind beide gut vorbereitet, jedoch haben wir großen Respekt vor der Tour und steigen demütig und ohne große Erwartungen in die Tour ein. Es sollte ein erster Versuch werden, einfach mal schauen und ein Gefühl für die Wand zu bekommen.

Anfangs erscheint es schwer den richtigen Einstieg zu finden. Wir richten uns nach den Erstbegehern, den Infos von Martin und Amelie, und unserem Gespür für den richtigen Weg. Schnell kommen wir voran und nach einigen, teils steilen Seillängen erreichen wir die Rissspur welche uns bis zum Gipfelgrat führen soll.


Simon im unteren Wandteil des Schiefen Risses
Simon im unteren Wandteil

Wir teilen uns die Vorstiege geblockt auf, somit kann einer immer ein wenig rasten, wobei bei den meisten Seillängen auch der Nachsteiger nicht stürzen sollte. Die Schwierigkeiten bis dahin sind überschaubar aber anhaltend, brüchig und schwer zum Absichern. Wir erreichen den Biwakplatz von Martin und können noch weitere zwei Seillängen klettern bevor es dunkel wird. Wir sind tatsächlich bereits die halbe Wand geklettert, der Wetterbericht für den nächsten Tag ist gut und die Verhältnisse OK. Der Gedanke und die Hoffnung, dass wir es tatsächlich schaffen könnten, wächst immer weiter.

Auf Anraten von Simon hin, haben wir ein kleines Zelt mit in die Wand genommen. Anfangs skeptisch, erwies sich diese Entscheidung als wichtig. Auch wenn wir kaum Platz hatten und ich keine Minute schlafen konnte, bot das Zelt Wärme und Schutz vor nächtlichen Spindrifts. Ich döste durch die Nacht, wartete auf das Morgenrauen und beneidete Simon, der bereits nach einigen Minuten vor sich hinschnarchte.



Unser Biwakplatz. Minimalistisches Campen.


Schiefer Riss Tag 2

Vom nächtlichen Schneefall blieb zum Glück wenig in der Wand liegen und somit konnten wir nach einem schnellen Frühstück gleich loslegen. Über die bereits am Vortag gekletterten Längen gings aufwärts bis zu den berüchtigten Ausbruchs-Längen.

Wir deponieren einiges vor Ort um schnell und leicht weiterklettern zu können. Die kommenden brüchigen Seillängen steige ich vor und diese erweisen sich in Punkto Absicherung als No-Fall Zone. Ein Sturz ist hier wirklich keine Option und die leichte Schneeauflage erleichtert den Aufstieg auch nicht. Dies ist der Bereich an dem Martin und Amelie vor 2 Jahren umdrehten.


Anspruchsvolle, brüchige Längen in Wandmitte
In Wandmitte in den Ausbruchslängen

Mit Geduld und Feinfühligkeit überwinde ich diesen Bereich und wir erreichen endlich den senkrechten Riss welcher zum Ausstieg führt. Simon übernimmt erneut und im kaminartigen, steilen Gelände gewinnen wir zunehmend an Höhe. Über steile, anspruchsvolle Mixed-Längen, die meist eher brüchigen Fels aufweisen kämpfen wir uns nach oben. Die Standplätze sind meist im Riss, also in Falllinie von potentiell, herabfallenden Gestein. Der Vorsteiger muss deshalb sehr vorsichtig klettern und auch mit Bedacht seine Standplätze wählen.


Im senkrechten, oberen Wandteil
Im steileren oberen Wandteil

Wir bekommen einen Eindruck von der Größe der Wand. Auch wenn wir gestern bereits einige Längen klettern konnten, machten wir kaum Höhenmeter, da man zu Beginn beinahe die ganze Wand traversiert. Diese Höhenmeter müssen wir heute im steileren Gelände klettern. Abwechselnd schleichen wir höher und erstmals finden wir Standplätze von früheren Begehungen.


Altes Hakenmaterial
Alter Standplatz vermutlich von der Seilschaft Auer, Lama & Ortner

Immer wieder erreichen wir kurze Schnee-Eisfelder, bevor es erneut aufsteilt. Erst am Nachmittag erreichen wir endlich das Schneefeld welches über leichtes Gelände zum Gipfelgrat führt. Wir haben es geschafft :)


Martin im oberen Wandteil
Im der nicht enden wollenden Headwall

Wir steigen auf dem Gipfelgrat aus und sind überglücklich. Wir haben in den letzten beiden Tagen öfters an Martin gedacht und somit war er irgendwo bei uns. Eine emotionales Abenteuer, dass ebenfalls Simon und mich zusammen gebracht hat und eine unglaubliche Einstandstour. Was da wohl noch kommt :) Danke dafür Martin.



Geschafft! Am Gipfel.
Endlich oben. Zum Glück hat Simon die Sonnenbrille dabei :)

Auch wenn erst früher Nachmittag angebrochen ist, steht noch eine lange Reise nach unten bevor. Über die Route rund 10x Abseilen, Stände einrichten, dem brüchigen Gelände ausweichen und die Konzentration nach 2 langen, vor allem mental anstrengenden Tagen aufrecht erhalten. Doch wir sind beide geübt und somit kommen wir bei Dämmerung am Wandfuß an. Der Materialverlust ist überschaubar: Ein Seil hat einen Cut abbekommen und für die Abseilstellen wurde etwas am Material zurückgelassen.

Im Dunkeln schnallen wir vollbepackt sie Ski an. Eine gefährliche Abfahrt durch Pulver mit versteckten Sharks steht noch vor uns. Nach ein paar Hundert Metern lasst kurz meine Konzentration nach und ein Stein lässt mich einen Salto schlagen. Kurz geschockt kontrolliere ich ob noch alles ganz ist und wir fahren fortan langsam ab.

Danke Simon für dieses großartige Abenteuer und hoffentlich auf viele Weitere.


In Memoriam Martin Feistl


 
 
 

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