SAGZAHN-VERSCHNEIDUNG
- Martin Sieberer

- vor 5 Tagen
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Meine Liebe zur Leiden-Schaft im Valsertal und im besonderen zur Sagwand beginnt schon vor einigen Jahren. Gemeinsam mit starken Partnern konnte ich dort bereits einige besondere Abenteuer erleben. Die Vorgeschichte zur Sagzahn-Verschneidung beginnt bereits 2020.

Goodbye Innsbrooklyn
Mit Messner Simon stehe ich schon einmal unter der Verschneidung und wir entscheiden uns voller Ehrfurcht gegen eine Besteigung. Wir gehen über zu Plan B und machen eine schnelle Runde durch die Schrammacher Diagonale. Dabei gehen wir an einer ganz besonderen undurchstiegenen Wandflucht vorbei, in der ich mit Simon im Jahr 2022 eine wunderschöne und bereits berüchtigte Tour erstbegehen kann: „Goodbye Innsbrooklyn“. Der Einstieg der Tour befindet sich rund 100m links der Sagzahn-Verschneidung.

Schiefer Riss
Mit Gietl Simon konnte ich mir knapp rechts daneben die zweite Winterbegehung des „Schiefen Risses“ sichern. Der Schiefe Riss ist wohl die berühmt-berüchtigste Tour in der Sagwand. Bereits 1947 von Hias Rebitsch erstbegangen, sind bekannte Wiederholungen an einer Hand aufzuzählen. Die Tour sticht eindrücklich ins Auge. Ein Risssystem, dass sich durch den kompletten Wandpanzer zieht und mich schon seit meinem ersten Besuch im Valsertal fasziniert. Nie hätte ich im Traum daran gedacht, diese Tour jemals wiederholen zu dürfen. David Lama sicherte sich gemeinsam mit Hans-Jörg Auer und Peter Ortner 2013 die erste Winterbegehung dieser kühnen Route. Zwölf Jahre später schafften Simon Gietl und ich die zweite komplette Winterbegehung.
Beide Touren mit den Simons sehe ich als besondere Meilensteine in meiner bisherigen Kletterkarriere, sie benötigten viel Mut, Geduld und Leidensfähigkeit.

Sagzahn-Verschneidung
Die Sagzahn-Verschneidung blieb mir bis jetzt verwährt. Ziemlich genau zwischen "Goodbye innsbrooklyn" und "Schiefer Riss" befindet sich die logische und eindeutige Linie der Sagzahn-Verschneidung. Respekteinflößend ist die Tour allemal, was die Besteigungszahlen der letzten Jahre auch bezeugt.
Die Erstbegehung sicherte sich David Lama und Peter Mühlburger im Jahr 2018 nach vier Anläufen. Im Jahr 2020 konnte sich der starke Martin Feistl gemeinsam mit David Bruder bei außergewöhnlich guten Eisverhältnissen die erste freie Begehung sichern. Weiteren Wiederholungsversuchen hielt die Tour stand. Auch sind die Verhältnisse in den letzten Jahren meist mäßig bis schlecht. Gemeinsam mit Lukas Waldner beobachte ich die Sagwand Jahr für Jahr. Heuer bildete sich im Mittelteil recht früh Eis und der Plan heuer einen Versuch zu starten erwacht aus dem Sommerschlaf.

Geht es um die Sagwand, ist Lukas der optimale Tourenpartner. Mittlerweile hat er als Mittzwanziger bereits 10x die Sagwand Nordwand auf verschiedenen Routen durchstiegen: eine beachtliche Leistung.
Mit Lukas kletterte ich in den letzten Jahren einige alpine Highlights: Schrammacher Direttissima, Sagwand Mittelpfeiler Winter Direct, Kalkkögel Winterüberschreitung (alles im Eintagestouren-Stil).

Der Tag
Gemeinsam mit Benjamin Zörer machen wir uns am 14.12.25 zu Fuß auf den Weg zur Sagwand. Wie jedes Mal ist das Spuren mühsam, aber zu dritt recht gut machbar und so stehen wir nach rund 3 Stunden unter der Wand. Da wir zu spät starteten ist es bereits hell als wir die magische Sagwand durchschreiten. Von Weiten wirkt sie schon mächtig. Steht man dann darunter, erdrückt sie einen richtig, da man den Grat nicht mehr erkennt und man die Ausmaße erahnen kann.
Früh sehen wir auch unser Objekt der Begierde. Das Eis im Mittelteil der Sagzahn-Verschneidung zieht uns richtig an. Die unteren Längen, naja eher Bauchweh. Mit dem Gedanken, „Wir steigen eh nicht ein!“, geht’s weiter bis zum Einstieg.

Nach kurzer Besprechung übernehme ich die ersten Längen. Am Anfang geht’s noch gemütlich über leichtes, dünnes Eis zu einem Podest. Ab dort wird es ernst. Über senkrechte, brüchige Risssysteme bahne ich mir meinen Weg unter das berüchtigte Dach, das von Lama technisch überwunden wurde. Fast angekommen an meinem gewünschten Standplatz rutscht im leichteren Gelände das Eisgerät und ich stürze 10m mit lautem Schrei ins Seil. Zum Glück ist das Gelände steil genug und bereits die erste Sicherung (BD: 3) hat gehalten. Kurz durchschnaufen, rauf ziehen und weiter geht’s. Schnell bin ich an meinem Standplatz und sehe, dass zehn Meter links unter mir ein alter Standplatz vorbereitet wäre. Naja, mein Platz direkt unter dem steilen Dach ist auch in Ordnung. Benni und Lukas folgen komplett durchgefroren, aber auch ihnen wird in dem Gelände schnell warm.


In der Wand
Es folgt der Knackpunkt der Tour. Die Länge startet ziemlich wackelig. Liegt vermutlich an mir, da ich keine guten Sicherungen unterbringen kann. Außerdem gilt es lästigen, unbrauchbaren Schnee zu entfernen. Voll fokussiert arbeite ich mich bis unters Dach vor, wo ich endlich die ersten guten Friends platzieren kann. Danach läuft alles auf Autopilot. Wie schon abgespeichert, überklettere ich den Überhang, die Erinnerung bleibt diffus: Steil, pumpig, schwindlige Hooks, fragiles Eis, Mantle. Alles dabei in dieser Länge, dennoch kann ich die Crux sofort durchsteigen. Einen Juchizer kann ich mir nicht verkneifen. Der Weg nach oben ist frei.


Ich klettere eine weitere Länge, die im Vergleich harmlos aussieht. Komplett im Eis steilt die Länge im Mittelteil auf. Rund 15m senkrechtes, schlechtes Eis (WI5+) fühlt sich in meinem angeschlagenen Zustand ziemlich am Limit an. Trotzdem kann ich die Länge frei noch fertig klettern und bin froh, dass ich das scharfe Ende des Seils an Lukas abgeben kann.

Im Panorama Gully
Auch wenn die schwierigsten Längen hinter uns liegen, haben wir erst rund ein Viertel der Wandhöhe geschafft. Es ist bereits 15:00! Aber da der Weg nach oben offen ist, entscheiden wir uns für den weiteren Aufstieg. Nach einer langen Eislänge kommen einige Hundert Meter Schneegully mit leichten Mixed-Aufschwüngen. Wir gehen alles am Laufenden bis langsam die Dämmerung näher rückt. Die letzten 2 Längen erfordern noch einiges an Aufmerksamkeit, da sich wie so häufig in Kammnähe kein Stapfschnee, sondern grundloser Griesschnee auf Platten befindet. Ein Job für Lukas. Um etwa 17.00 steigen wir überglücklich am Grat aus. Im Dunkeln bahnen wir uns den Weg in Richtung Gipfel der Sagwandspitze, die wir um 18.00 erreichen.

Abstieg
Der Abstieg ist Formsache, da wir ihn alle drei recht gut kennen. Trotzdem ist vor allem in der oberen Hälfte Vorsicht geboten. Ich bin komplett ermüdet und muss mich extrem konzenztrieren. Die mentale Belastung in den ersten Längen machen sich heute extrem bemerkbar. Langsam aber sicher steigen wir ab. Durch einen Mix aus Minenfeldern von Blockgestein, mühsamen Bruchharsch der in den Schienbeinen einschneidet und Latschenfallen. Ab der Zeischhütte führt der Weg unspektakulär bis zur Touristenrast, unseren Ausgangspunkt 15 Stunden vorher.
Was für ein Tag. Was für eine Tour. Danke dafür.





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